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Stimme ist nicht alles! - Schlüsselkompetenzen für Gesangskarrieren

Auszug aus dem Beitrag von Thomas Herwald in:
"Unternehmertum und Führungsverhalten im Kulturbereich"

herausgegeben von Dr. Elmar Konrad, Waxmann Verlag - ISBN 10 3 8309 1710 4

Um dieses hochwirksame Phänomen zu erkennen, braucht es keine überdurchschnittliche Intelligenz oder akademische Ausbildung. Hochintelligente Menschen, die nicht gelernt haben, sich auf ihre Hauptaufgabe zu konzentrieren und zu reduzieren (und diese dann mit ihrer ganzen Energie zu er-füllen), sind mitunter weniger intelligenten Menschen in ihrer Leistungsfähigkeit unterlegen. Ein Mehr an Intelligenz, Wissen und Bildung kann daher nicht automatisch großen Erfolg garantieren. Richtig eingesetzte Intuition kann unter Umständen wesentlich hilfreicher sein.

7 Zuverlässigkeit und Realitätssinn
Auf Dauer erfolgreiche Sängerinnen und Sänger zeichnen sich weitergehend auch durch ein extrem hohes Maß an Zuverlässigkeit und Vertragstreue aus. Vermeintliche Starallüren, die vom breiten Publikum fälschlicherweise vielleicht als „typische“ Eigenschaften oder Wesensmerkmale von Primadonnen und Tenören angesehen werden, sabotieren eine Karriere mehr, als dass sie sie aufbauen! Ganz sachlich gesehen unterscheiden sich Künstler, ob freiberuflich tätig oder in einer immer zeitlich begrenzten Festanstellung, in keiner Weise von anderen Dienstleistern. Diese klare Sicht der Dinge, nämlich einen Dienst zu leisten am Werk und für das Publikum, ist allerdings noch nicht bei allen Künstlern gedanklich angekommen. Einige Sänger neigen dazu, ihre Arbeitsleistung nicht als Beruf anzusehen, sondern als künstlerische Selbstverwirklichung und unterstützen damit das falsche Bild in der Gesellschaft, das vielerorts immer noch anzutreffen ist: Was macht ein Sänger eigentlich tagsüber?
Gerade diese klare Sicht der Dinge, was möglich ist, und was nicht, was man kann, und was nicht, das zeichnet Topprofis aus. Darin unterscheiden sich Sänger überhaupt nicht von internationalen Fußballstars, Medizinern oder anderen Hochleistungsträgern.
Das Musterbeispiel in persona für dieses absolute Realitätsbewusstsein war die berühmte schwedische Sängerin Birgit Nilsson. Ihre klare Vorgabe an die größten Opernhäuser der Welt, nur innerhalb einer bestimmten Disposition ihre Vorstellungen zu singen, nämlich mit drei Tagen Pause dazwischen und auch nur für eine bestimmte Anzahl von Vorstellungen zur Verfügung zu stehen, liest sich hier leicht und wenig bedeutend, ist aber ein massiver Eingriff in die Planungshoheit eines enorm komplexen Betriebes! Aber die Entscheidungsträger an den jeweiligen Opernhäusern wussten bei dieser Klarheit genau, woran sie waren und mussten ständiges Nachbessern oder konstante Änderungswünsche nicht befürchten. Realitätsbewusstsein – oder besser Bodenhaftung – auch in wirtschaftlicher Hinsicht ist ein anderes Merkmal von Profis. Birgit Nilssons wunderbare Aussage, sie könne „einen 10-Mark-Schein von einem 1000-Mark-Schein unterscheiden“, war nicht nur für ihre knallharten Gagenverhandlungen relevant, sondern auch für ihre unspektakuläre Lebensweise, fern von Skandalen oder der Notwendigkeit, ihre Leistungen von PR-Agenturen dem Publikum nahe bringen zu müssen.

8 Ausstrahlung
Abschließend soll nach all diesen Betrachtungen über erlernbare Techniken und trainierfähigen Talenten eine karrierestützende und vielleicht am schwierigsten zu definierende Fähigkeit kurz beleuchtet werden: nach all den Charaktereigenschaften und persönlichkeitsimmanenten Kompetenzen eines erfolgreichen Opersängers bleibt die wesentlichste Eigenschaft, nämlich die Frage nach seiner Ausstrahlung oder des Charismas.
Diese „Starqualität“ auf der Bühne zu haben, ist neben einer außergewöhnlichen Stimme und einer darstellerischen Ausdrucksfähigkeit das Hauptmerkmal einer erfolgreichen Karriere als Opernsängerin und -sänger – ja vielleicht sogar das ausschlaggebende Moment. Sicherlich, Ausstrahlung allein kann andere Grundvoraussetzungen nicht kompensieren, aber ohne sie wird ein Künstler nicht dauerhaft in der ersten Reihe bestehen können. Ausstrahlung hat man, oder man hat sie nicht. Wenn die Begabung dazu vorhanden ist, kann man versuchen, sie weiter zu entwickeln oder freizulegen. Erlernbar ist sie jedenfalls nicht!
Eine charismatische Bühnenpersönlichkeit wird zum Sympathieträger und bietet dem Publikum Projektionsflächen und Identifikationsmöglichkeiten. Sie können Gefühlswelten jedes einzelnen Menschen im Publikum auf die Bühne bringen und Stimmungen schaffen, die beim Zuschauer durch die ausgeübte Faszination vollste seelische Aufmerksamkeit und Konzentration schafft in einer Weise, wie sie fast nur auf der Bühne (mit-)zuerleben ist. Bedeutende Opernsänger können durch ihr Charisma auf der Bühne zusammen mit der Musik Einblicke in wahrhaftige Persönlichkeiten mit allen menschlichen Gefühlsfacetten geben: Liebe, Trauer und Tod, Freude oder überschwängliche Begeisterung und dem immer wiederkehrenden Leitmotiv der europäischen Kunstform der Oper: der menschlichen Einsamkeit.
Wenn ein Bühnenkünstler, ob Opernsängerin oder Opernsänger, Schauspieler oder Tänzer die Zeit still stehen lassen kann und die uneingeschränkte Aufmerksamkeit der Menschen im Publikum hat – und für diese Aufmerksamkeit, es so weit zu bringen, nimmt er alle Mühen und Arbeit auf sich – dann kann man von einem großen Künstler sprechen, der unvergängliche Momente des Lebens für die Erinnerung schafft.